Buen Camino

Alex und ich vor dem Stadttor St. Jean Pied de Port, dem Startpunkt der ersten Etappe des Camino Frances

Alex und ich vor dem Stadttor St. Jean Pied de Port, dem Startpunkt der ersten Etappe des Camino Frances

7Uhr in Frankreich an der Grenze zu Spanien: zwei topmotivierte Pilger machen sich auf den Weg, die ersten Etappen des Camino frances zu bestreiten. Nach gemütlicher Übernachtung und einem Frühstück mit regionalen Produkten im Wohnzimmer der Gastgeber bekommen wir von ebendiesen sogar den Pilgerausweis und den ersten Stempel, und das bevor wir einen Meter gelaufen sind.

Als Startpunkt des Weges durchschreiten wir das Stadttor des Ortes St. Jean Pied de Port, um etwa hundert Meter später die erste Pause in der Touristen-Info des Ortes zu machen. Nach fünfminütigem französischem Smalltalk, wobei es eher ein Monolog war, erkennt man, dass deutsche oder englische Sprache besser wäre. Die Wartezeit war aber wichtig. Schließlich erfahren wir, dass der Abstieg auf den letzten 4 Kilometern der Etappe gesperrt ist wegen der heftigen Regenfälle am Vortag, und wir eine Alternativroute nehmen müssen.

Aufmarsch der Pilger

Aufmarsch der Pilger


Blick über St. Jean Pied de Port von der Herberge Orison, ca. 800m Höhe

Blick über St. Jean Pied de Port von der Herberge Orison, ca. 800m Höhe

Nachdem wir den Ort verlassen haben, dann der Schock. Wir finden uns wieder als kleiner Teil einer Pilgerbewegung, die sich schlangenförmig ohne größere Lücken vorankämpft. Wir sind ein kleines Individuum dieses Gesamtkunstwerks. Sollte uns dies schon Demut lehren? Wenn man den Kopf höherschwenkt: ein Blick auf das heutige Tagesziel, den Berg Lepoeder mit 1400m, sieht schwer aus, aber kein Problem für uns.

Diese Einstellung sollte sich schon nach den ersten 6 km ändern, da von denen 5km über 10% Prozent Steigung hatten. Wir standen an dem Ende der Verkehrsstraße und das dauernd vorbeifahrende Taxi und lachende, schadenfrohe Jugendliche verhießen nichts Gutes. Wir mussten uns entscheiden: folgen wir der Hautpstraße und können jederzeit gerettet werden oder wagen wir den Sprung in die Wildnis, ohne Ortschaft auf den nächsten 20km. Nach kurzer Pause haben wir uns natürlich für letzteres entschieden, trotz unklarem Ausgang.

Dank des schweren Aufstiegs lichtete sich immerhin die Pilgerschlange. Entweder weil einige doch die Hauptstraße mit Taxi-Rettungsdienst bevorzugt hatten, vielleicht aber auch, weil ein paar wenige Pilger etwas schneller unterwegs waren. Auf jeden Fall waren wir erleichtert, dass es nur noch 2km bergauf ging und wir danach das Hochplateau erreicht haben. Es kam etwas Alpen-feeling auf, da man immer einige Kuhglocken im Ohr hatte, auch wenn man nirgends Kühe gesehen hat. In den Pyrenäen teilen sich die Funktion des Lärmmachens Schafe, Ziegen und sogar Pferde. Besetzung der ökologischen Nische, Bio-Unterricht, kennt ihr ja.

der letzte Anstieg zum "Lepoeder"

der letzte Anstieg zum „Lepoeder“


der Gipfel ist erreicht

der Gipfel ist erreicht

Nach unzähligen Kilometern in dieser Landschaft, den ersten schmerzenden Füßen und ramponierten Schultern erreichen wir den Abzweig vom gut ausgebauten Feldweg in den unwegsamen letzten Aufstieg zum Gipfel. Zum Glück sind genug Pilger unterwegs, sonst würden wir wohl nicht glauben, dass dies der Weg ist. Im Vergleich zum Anstieg am Morgen erwarteten uns aber nur noch wenige Höhenmeter, die schnell bewältigt sind. Mit unseren amerikanischen Bekanntschaften Courtney und Jerry können wir den herrlichen Ausblick vom Gipfel genießen. Leider ist hier noch nicht das Etappenende. Es folgten 4km Abstieg mit 500 Höhenmetern, die die letzten Bänder, die bisher noch nicht schmerzten, auch noch belasteten, so dass wir schon am ersten Tag einen Ganzkörper-Workout hinter uns hatten.

Abends bekamen wir zum Glück noch einen Platz in der einzigen Herberge des Ortes Roncesvalles. Dieses Kloster hat sich auf Pilger spezialisiert und sämtliche Stockwerke mit umgebauten Kirchenbänken ausgestattet. Irgendwie auch passend zur heutigen Zeit, da gefühlt mehr Leute pilgern als die Kirche besuchen. Das Pilgermahl war sparsam wie erwartet, wir sind ja nicht wegen des ausschweifenden Lebens dort, allerdings vom Preis eher oben angesetzt. Die Übernachtung im Schlafsaal mit 50 Leuten war überschaubar lang und wegen einiger geöffneter Fenster auch kalt.

Nach einem wie erwartet sparsamen Frühstück mit trockenem Toastbrot und amerikanischem Kaffee gings dann los, die Schmerzen waren nach einer halben Stunde weg und man war wieder in dem mentalen nichtsdenken Move-Modus, der allerdings durch einen kurzfristigen Anfall und Befriedigung der Genuss-Nerven (Kippen, gutes Frühstück und Wasser mit Geschmack) unterbrochen wurde. Die zweite Etappe war landschaftlich sehr schön. Im Vergleich zur ersten Etappe mit Waldwegen. Nur der Abstieg auf den letzten Kilometern vermieste uns eine entspannte, schmerzfreie Zeit am Abend.

HPIM2153
HPIM2154

Die dritte Etappe führte uns nach Pamplona und wird als Etappe mit Heimaterinnerungen haften bleiben. Zunächst kamen wir am Etappenbeginn an einem Tagebau-Betrieb vorbei, der teilweise wegen Rutschungsgefahr und Baumaßnahmen gesperrt war. Alex als Ruhrpottler kennt zwar eher den Untertagebau, kann der Landschaft aber durchaus etwas abgewinnen. Weiter gings entlang der Autobahn bis zum Ortseingang Pamplona über eine schöne Stadtbrücke in die Innenstadt. Dort erwartete uns die Casa Paderborn, eine Herberge, die vom Verein „Freundeskreis der Jakobuspilger Paderborn“ geführt wird und uns sehr nett willkommen hieß. Nach Tagen des Englisch-Sprechens, was wir selbst mit deutschen Mitpilgern auf dem Weg betrieben, war es sehr angenehm, deutsche Stimmen um uns zu hören.

im Tagebau

im Tagebau

Nach diesem Tag machten wir den geplanten Zwischenstopp in Pamplona, natürlich an einem Sonntag, da wir es für nicht angemessen hielten, auch hier zu wandern. Schon in der Bibel heißt es ja, dass sich da schon ganz andere Leute eine Auszeit genommen haben. Andere Stimmen behaupten allerdings, dass wir an diesem Tag sowieso nichts mehr geschafft hätten. Leider lässt sich diese These aber nicht mehr beweisen.

Casa Paderborn

Casa Paderborn

Außerplanmäßig war allerdings, dass wir statt einem billigen Hotel, das wir aufgrund einer Namensänderung nicht mehr gefunden haben, in einen 4-Sterne-Palast mit Sauna eingecheckt haben. Das war der nächste Rückfall in die Luxus-Gesellschaft, aber wie sich am nächsten Tag herausstellte war es genau das richtige, um für die nächsten Etappen vorbereitet zu sein.

Nach ausgiebigen Frühstücksbuffet verspäteten wir uns natürlich beim Aufbrechen zur vierten Etappe, holten dies aber durch hohes Tempo und wenig Pausen wieder auf. Die Etappe führte uns durch einen hochgelegenen Windpark. An der höchsten Stelle trafen wir tatsächlich auf Pilger, die noch langsamer unterwegs waren als wir, obwohl sie Gepäckesel dabei hatten. Bevor wir aber auch einrosteten, haben wir uns dann doch lieber wieder auf den Abstieg gemacht.

langsame Pilger, wir versuchen zu helfen

langsame Pilger, wir versuchen zu helfen


Aussicht vom Windpark

Aussicht vom Windpark

An die fünfte Etappe habe ich leider kaum Erinnerung und auch kaum Fotos. Waren wir endlich im Pilgermodus angekommen? Konnten wir die Landschaft und unsere Mitpilgerer nicht mehr sehen? Oder hatten wir da gerade den Warnhinweis für Pilger übersehen oder gar zu ernst genommen? Man weiß es ist.

tanzende Pilger

tanzende Pilger

Dagegen habe ich an die sechste Etappe ausgezeichnete Erinnerung, was zum einen daran liegt, dass es unsere letzte Etappe war und einige Mitpilgerer schon neidisch waren, dass wir es hinter uns hatten. Aber auch da es der erste und einzige Regentag war und wir das Wunder gesehen haben!

das Wunder! Der Weinbrunnen

das Wunder! Der Weinbrunnen

Ein Brunnen, der statt Wasser Wein spendet. Selbst wenn wir hier nicht die Schlussetappe geplant hätten, fragt man sich doch, warum der Jakobsweg noch 26 Etappen mehr hat, wenn man es hier schon geschafft hat, aus Wasser Wein zu machen. Mehr kann doch da gar nicht kommen.

Von da aus hatte unsere Tour ein schönes Ende mit vollen Wegflaschen genommen und wir konnten die Etappe leicht und locker, naja mit schwindenden Vorräten und Nachmittagstemperaturen von 30 Grad nicht mehr ganz so locker, bestreiten.

Alles in allem war es eine interessante Tour, die uns durch viele Bekanntschaften aus verschiedensten Ländern in Erinnerung bleiben wird. Der Zusammenhalt und die Hilfsbereitschaft unter den Pilgern war hervorragend. Bleiben wird ebenso das stolze Gefühl, die Schmerzen besiegt zu haben und trotz bescheidener Lebensweise, jedenfalls die meiste Zeit, unser Ziel erreicht zu haben.

Hier kann man nur jedem empfehlen, einige Etappen in Spanien zu bestreiten, da man hier eine richtige Pilgerbewegung kennenlernt und einschätzen kann, ob man irgendwann den gesamten Weg gehen möchte. Allen, die die weiteren Etappen machen möchten, wünsche ich einen „Buen Camino“.

Ein Kommentar zu “Buen Camino

  1. KM

    Lieber Herr Brune,

    das ist ein sehr spannender und doch zugleich amüsierender Bericht. Es freut mich, dass du diese Erfahrung gemacht hast und werde es mir zum Vorbild nehmen, selbst einige Etappen auf dem Jakobsweg zu beschreiten.
    Ich habe deine positive Veränderung nach dem Pilgern schon deutlich wahrgenommen. Seht erfreulich! Weiter so! (Also noch mehr Etappen…) 🙂

    Mit den besten Grüßen

    Katharina Manthey

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